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Gerd Gummersbach interviewed
Author:
killaswitch
Publishing date: 18.09.2003 15:00
Cla.at: Reggae und vor allem Dancehall ist ja ein sehr schnellebiges Ding. Ist es nicht ein "Kampf gegen Windmühlen", wenn man wert drauf legt, gerade Klassiker und Raritäten aufzulegen?
GG: Mir ist nicht ganz klar was du mit dem Windmühlen-Bild meinst... Die Flut an Releases und wie man da filtert?
Cla.at: Es ist ja unbestreitbar, dass der Reggae-Markt sehr produktiv und schnellebig ist...
GG: Ja das ist ja schön so, aber ich kann mich ja wöchentlich über das informieren, was rauskommt, und ich bin ja auch in keinster Weise verpflichtet, davon etwas zu kaufen. Ich bin völlig frei in meiner Entscheidung, mir definitiv nur das zu picken, worauf ich Bock habe. Wenn dann in der Woche nicht die absolute Straßenfeger-Selection rausgekommen ist, gibt's auch keine Verpflichtung, dann am Samstag nur die brandneuen Tunes zu spielen. Die spielst du dann eh nur für die 5-Percenter, und 95% hören den Tune dann zum ersten Mal. Und ob die den jetzt so prickelnd finden, wie vielleicht die 5%, die dich dann natürlich toll finden, weil er vorgestern erst rausgekommen ist... Ich bin da entspannt unterwegs, hab da eigentlich so keine Probleme mit. Ein größeres Problem ist vielleicht, dass gerade bei den größeren Sounds das zeitliche Spektrum dessen, was sie über einen Abend auflegen, nicht groß genug ist. Man klebt dann da bei dem neuen Kram plus ein wenig Dubplate-Business, und dann noch, eingestreut zu später Stunde, ein paar Classics aus alten Tagen, und das war's. Aber zum Beispiel aus dem Fundus 1992-2002 die Sachen mal breiter zu mischen, vermisse ich bei vielen Sounds. Ist dann eher so der Set mit den Riddims der letzten 6 Monate, mit den entsprechend hohen Überschneidungen, wenn du dir jetzt drei Sounds in zwei Wochen anhörst.
Cla.at: Du bist auch für deine Aufforderung an die Leute bekannt, in deinem Laden immer den Plattenlift zu benutzen. Hältst Du dich auch selber dran, also sind für dich dann auch Rewind`s beim Auflegen tabu? (Anm.d.Red.: Gerd hatte in seinem Laden früher immer ein Schild hängen, dass seinen Laden bis heute noch zur Legende macht: "Bitte benutzt den Plattenlift, DJ Cool Herc tut es auch!")
GG: Also was die Leute mit ihren Tunes machen in dem Moment, wo sie ein Einzelhandelsgeschäft wieder verlassen haben, steht ja überhaupt nicht zur Debatte. Es ist ungefähr so wie: Du gehst zum Autohändler, willst eine Probefahrt machen und fährst jetzt erst mal über Stock und Stein, legst noch so zwei vergebliche Einparkversuche hin und gibst ihm dann seinen Vorführwagen wieder. Es ist doch ganz simpel: Du hörst dir Platten an, diese Platten sind mein Eigentum, bis du sie gekauft hast. Also ich benutze zuhause nicht den Lift, keine Frage, da ging's auch nie drum. Mir ist aber bis zum heutigen Tage unerklärlich, warum das mit diesem Lift-Benutzen so eine große Nummer ist. Das einzige, was ich dazu sagen kann, ist halt die Bescheuertheit in anderen Läden, das den Leuten durchgehen zu lassen. In den frühen Tagen gab es ein halbes Jahr keine Liftpflicht, und ich hatte eine entsprechende "kannst du wegschmeißen, die Platte"-Quote, und nach der "Lex Lift" hat sich das quasi auf Null reduziert. Und darum geht's. Warum soll ich mir mein Eigentum kaputtmachen lassen...
Cla.at: Was ist die allerwertvollste Platte, die Du in deiner Sammlung hast? Nicht nur vom Sammlerpreis her, sondern auch so von der persönlichen Vorliebe...
GG: Ja die Frage floppt dann bei mir, weil habe ich nicht. Es gibt einfach eine Menge Platten, die das Haus nie verlassen werden, und es gibt innerhalb dieser vielen Platten immer wieder wechselnde Vorlieben. Also ich krieg da immer wieder eine LP in die Hand, die ich mir nach längerer Zeit noch mal anhöre, und mir sage "Scheiße ist die gut!", und dann höre ich sie in den weiteren zwei Wochen noch dreimal, und dann kommt mir da vielleicht wieder was anderes vor die Flinte. Aber es gibt jetzt nicht DIE Platte, es gibt viele die einfach "DIE Platten" sind. Ja, Platten... Die beste Platte... Wird dann wahrscheinlich für mich persönlich eine Curtis Mayfield sein.
Cla.at: 45 Clashes sind ja im Moment DAS große Ding in Deutschland. Würde es dich denn nicht als Plattenkenner und Plattensammler reizen, selber an einem 45-Clash teilzunehmen?
GG: Würde ich nicht "nein" zu sagen...
Cla.at: Und wer wäre da so der/die "würdige/n" Gegner?
GG: Nee, nee, Quatsch, so jetzt überhaupt nicht. Da müsste jetzt nicht der Gewinner eines anderen 45 Clashes dabei sein, juckt mich gar nicht, weil ich die Idee des 45 Clash`s prima finde, weil er dieses Dubplate-Business außen vor lässt. Insofern kann auch jemand, der schön auf Qualität geht und über einige Jahre Singles gesammelt hat, da einen guten Auftritt haben. Insofern, super Idee, 45 Clash finde ich prima.
Cla.at: Wie siehst Du denn den Zusammenhang zwischen Musiklandschaft und Internet, sowohl in den positiven als auch in den negativen Aspekten? Also jetzt zum Beispiel einerseits Informationsvermittlung, andererseits Raubkopien.
GG: Ja das eine ist hervorragend, das andere ziemlich für den Arsch, weil da mittelfristig das gesamte Business drüber kollabieren könnte. Insofern sägt der Brenner oder der Raubkopierer an dem Ast, auf dem er ja so liebend gerne sitzt. Irgendwann macht es einfach keinen Sinn mehr. Ansonsten als Informationsmedium, oder wenn superrare Sachen irgendwo abgelegt werden, zum Beispiel uralte Soundsystemtape-Mitschnitte, die dir auch Cassette Lindsay nicht verkaufen kann, dann ist es immer wieder eine nette Angelegenheit, am Rechner zu sitzen... Aber wenn es Sachen sind, die Cassette Lindsay im Programm hätte, würde ich mir die auch zulegen. Was ich mir aber bis zum heutigen Tag verkneife, ist es, sie mir zu brennen. Ansonsten, muss ich sagen, bin ich in den letzten Jahren auch zum Internet-Junkie geworden und gönne mir auch privat meinen DSL-Anschluss. Ist schon eine sehr geile Sache, wenn in Jamaica ein Sack Herb umfällt und am nächsten Tag weißt du Bescheid.
Cla.at: Wo siehst Du die Vor- und Nachteile im Vergleich Online- und Printmedien, was Musikmedien angeht?
GG: Es hat eine andere Qualität, ob ich auf der Toilette sitzend mir einen längeren Artikel in Ruhe durchlesen kann, und dann ist da natürlich die graphische Aufbereitung, und eine andere Ästhetik, die Photos wirken anders... Oder ob ich eben vor dem Bildschirm sitze... Die knappe Information, der schnellere Überblick bei sowas... Finde ich dann eigentlich im Internet besser aufgehoben als in einem Printmedium, aber ab einer bestimmten Länge des Artikelbeitrags bleibt Print unübertroffen und hat eine andere Ästhetik, die dann wieder zu vergleichen wäre mit der Tatsache, ob du dir eine LP kaufst oder eine CD. Konkurrenz zueinander sehe ich mittelfristig nicht. Es wird sich einfach verlagern. Printmedien, soweit sie es noch nicht haben, werden kurze, flüchtige Informationen zunehmend auf ihre Websites verlagern, und das kommt dann meiner Ansicht nach den Magazinen zugute, weil sie einfach mit längeren Artikeln arbeiten können.
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